Gedanken zum Beten

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Wenn ich gefragt würde “Was würdest Du in Deinem Leben anders machen, wenn Du es noch einmal von vorne beginnen könntest?” würde ich antworten: “Ich würde mehr beten und mehr auf Gott vertrauen.” “Beten”, das vertrauensvolle Gespräch mit Gott ist für die Christinnen und Christen so selbstverständlich wie die Luft, die wir zum Atmen brauchen. Das ist schnell dahingesagt. Ist uns klar, dass unser Glaube zur Weltanschaung verkümmert, wenn wir nicht mehr beten? Unser Glaube lebt durch das Gebet. Beten ist das Atmen des Glaubens. Und trotzdem: wir wissen oft nicht, wie wir beten sollen. Selbst die Jünger Jesu, die aus einer reichen, jüdischen Gebetstradition kommen, wissen nicht so richtig, was sie beim Beten sagen sollen. Eigentlich erstaunlich, sie kannten doch die Psalmen, das Gebetbuch der Juden. “Wie sollen wir beten?” fragen sie Jesus. Seine Antwort ist “Das Vaterunser”. Er selbst zieht sich oft in die Stille und Einsamkeit der Nacht zurück, um mit Gott allein zu sein. Er betet nicht in aller Öffentlichkeit um seine Frömmigkeit zur Schau zu stellen, sondern sein Herz sucht Gemeinschaft mit Gott in der Stille.

Gebet ist weit mehr als ein auswendig aufgesagtes “Vaterunser”. Gebet ist ein Sein. Ein selbst sein vor Gott sein – in der Stille. Bevorzugt in der Stille. Aber es gibt auch eine innere Aufmerksamkeit über den Tag, indem wir zwar alles mit unseren Sinnen wahrnehmen, aber darüber hinaus auf einer anderen Ebene offen sind für Gott. So als wenn wir achtsam auf unseren Atem achten, was schon schwer genug fällt und Übung – Praxis – verlangt. So wie man in der Meditation übt, präsent und gegenwärtig im Alltag zu werden, hat die Zeit in der Stille im Gebet vor Gott Auswirkungen darauf, wie sehr uns Gott im täglichen Leben in Schule, Uni und Beruf bewusst ist. Wir sind nicht allein, Gott ist gegenwärtig! Das ist die innere Herzenhaltung von der auch Paulus spricht: Betet ohne Unterlaß. Das ist damit gemeint.

Und wenn wir mit Gott sprechen, was sollen wir dann sagen? Was soll man dazu sagen? Dass es Dankgebete, Bussgebete, Bittgebete für sich selbst und andere gibt, dass man Gott loben und anbeten kann? Ja, das ist alles so richtig, aber in dieser Aufzählung zu statisch, zu formell, zu leblos. Das ist so als würde man in einem Beziehungsratgeber festlegen, worüber sich die Partner unterhalten müssen, damit ihre Beziehung lebendig bleibt. Merken wir, wie unnatürlich es ist, so über das Gebet zu sprechen?

Aber in der Tat: Beten hat große Ähnlichkeit mit dem Zusammensein, Schweigen und Reden der Liebenden. Im Gebet kann ich ich selbst sein und Gott alles sagen was mich bedrückt. Im Gebet kann ich staunen über Gottes Heiligkeit. Darüber, dass Gott etwas mit mir zu tun haben will. Dass er mich sieht und kennt wie ich bin. Er lässt mich Mensch sein und verändert mich durch seine Gegenwart.

Beten lerne ich durch beten. Learning by doing. Wir können noch so viele Bücher über das Beten lesen, die uns inspirieren mögen, aber um beten zu lernen müssen wir uns, wie beim Schwimmen ins Wasser, in die Gegenwart Gottes fallenlassen. Dann merken wir mit der Zeit von selbst: Oh, dafür bete ich nicht (z.B. Luxusgüter). Oder dieser oder jene braucht jetzt mein Gebet. In der Zeit des Gebets verändert uns Gott. Beim Beten bewegen wir uns im Bereich der Ewigkeit. Unser kleines, graues und alltägliches Leben steht für eine kleine Ewigkeit still. Ein Schielen auf die Uhr, wann denn die “geplanten” 10 oder 30 Minuten unserer “Gebetszeit” um sind, geht am Wesen des Gebets vorbei und verdirbt alles. Erfülltes, tiefes Gebet vergisst die Zeit, weil es in die Ewigkeit eintaucht. Je mehr und je länger wir beten, umso mehr bildet sich ein Bewusstsein von Gottes Gegenwart in unserem Alltagsleben heraus. Es gibt Zeiten, in denen wir übervoll mit Worten sind, weil es so viel gibt, das wir Gott erzählen wollen. Dann gibt es Zeiten in denen das nicht so ist. Dann genügt ein kurzes “Vaterunser” oder ein mit offenem Herzen gebeteter Psalm. Wir brauchen beim Beten keine Angst davor zu haben, dass Gott irgendwelche Ansprüche an Form und Wortlaut unserer Gebete hat. Es ist besser mit ehrlichem Herzen ein Kindergebet aufzusagen, als mit kaltem Herzen schöne Worte zu machen. Gott sieht unser Herz an und nimmt uns – zum Glück – oft nicht beim Wort, denn er weiß was wir wirklich brauchen. Es ist ein Geheimnis: selbst wenn wir nicht wissen was wir beten sollen, vertritt uns der Heilige Geist vor Gott mit unaussprechlichem Seufzen.

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