1. Advent: Weihnachten?

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Striezelmarkt, Dresden

Kann man überhaupt darüber schreiben? Muss nicht alles himmelhoch jauchzen, wenn das Fest der Feste, wenn die Ankunft des Messias kurz vor der Tür steht? 30 Jahre später wird er diesen Anspruch für sich geltend machen, indem er wie ein König mit Don-Quichote-hafter Attitude auf einem Esel in Jerusalem einzieht. Aber so weit sind wir noch nicht. Das Kind. Hilflos an der Mutterbrust, schreiend den Menschen ausgeliefert. In Windeln. Die Wissenschaft sagt, Kleinkinder hätten Allmachtsfantasien, würden sich für das Zentrum des Universums halten. Bei ihm würde es ja tatsächlich stimmen!

Ich war heute auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt. Ein schöner Weihnachtsmarkt im Stil der 1920er Jahre. Eine lebensgroße Krippe, die umzäunt war, deren lebensgroßen Figuren aus Pappmache bestehen. Viele haben sich davor fotografieren lassen. “Füttern verboten!” stand auf einem Schild am Zaun. Irgendwie versucht man witzig zu sein in diesen Tagen, nur ja keine religiösen Gefühle aufkommen lassen.

Mir kommt es so vor, als versuchte ich mir diese königlichen Feiertage  – Weihnachten! – schön zu schreiben. Als ob ich mir extra sagen müsste, das ist es: Weihnachten! Das Fest der Feste, Grund zur grundlosen Freude. Aber es ist anders. Ich spreche mit vielen, denen es ähnlich geht. Die Krippe ist für mich wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Zu viel, was sich Leben nennt, trennt mich von dem Weihnachtsgefühl meiner Kindheit.

Es ist für mich nichts Neues, dass ich in der Zeit vor Weihnachten schwer wie ein alter Mann durch die Tage gehe, gelähmt von etwas, was ich gar nicht näher beschreiben kann – und hier nicht will. Wie ein Schatten aus Emotionen, der mich in dieser Zeit verletzlicher macht als sonst. Es sind gar keine besonderen Gedanken, die sich rückwärtsgewandt im Licht der Vergangenheit sonnen. So wie das Gefühl, als ob da jemand hinter einem stünde. Man dreht sich um und da ist niemand. Phantomschmerz.

Aber dann, ich hoffe darauf, dass es in diesem Jahr wieder so sein wird wie in den letzten Jahren, entweder durch einen Text, den ich selber schreibe, oder durch einen kurzen Augenblick, der an den Feiertagen wie aus heiterem Himmel über mich kommen wird, öffnet sich mein Herz. Ich werde innerlich angerührt und Weihnachten bekommt für mich Sinn.