2. Advent: Ja ist denn schon Weihnachten?

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Wie die Floskel sagt: Alles ist eine Frage der Perspektive.

Rückwärtsgewandt schauen die Christinnen und Christen seit 2000 Jahren in jene dunkle Nacht, in der der Ochse blökt, der Esel eben ein Esel ist, die Schafe meckern, die Englein singen und ein Kind schreit. Das Kind ist kaum zu erkennen. Im Dunkel der Geschichte verborgen, durch Tradition verkitscht, oder neuzeitlich verfremdet, wie auf dem Striezelmarkt in Dresden, der mit der lebensgroßen Krippe wirbt. Mich erinnert die Krippe unter dem Tannenbaum mit ihren Kugelköpfen und kubischen Formen eher an Playmobil in Lebensgröße als an die Heilige Nacht. Aber das ist Geschmacksache.

Nebenbei bemerkt wundere ich mich über mich selber, wie ich scheinbar gleichgeschaltet, jedes Jahr um die Weihnachtszeit, oder auch Karfreitag und Ostern, zu predigen anfange. Dabei kriege ich gar kein Geld dafür. Geld und Weihnachten in einem Atemzug zu nennen ist nicht geschmacklos sondern realistisch.

Und wenn man die Interviews mit Pfarrerinnen und Pfarrern hört, die in der Weihnachtszeit gegeben werden, müsste man schmunzeln, wenn es nicht so traurig wäre. Wie die Kirche ihre Identität heutzutage auf die Weihnachtsgottesdienste einzuschränken scheint, wie auf eine Eisscholle, die durch das Eismeer des Klimawandels treibt, und sich stolz für volle Weihnachtsgottesdienste auf die Schulter klopft, so als wenn alles in Ordnung wäre und ihr Pfeifen im Walde keine Schamoffensive wäre!

Wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ wird Weihnachten immer nach der selben Leier gespielt. In der Sprache der Kirche nennt man so etwas Ritual, etwas, das sich immer nach den gleichen Regeln abspielt.

Wie gesagt: alles ist eine Frage der Perspektive. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Man kann nur heute leben. Das ist klar. „Lebe im Hier und Jetzt“ kennt jedes Kind. Wir wissen aber selber, wie sehr unsere Vergangenheit in unser Hier und Jetzt ihre Fühler ausstreckt, sei es in Form von Krankheit, weil sich unser ungesunder Lebensstil in der Gegenwart auswirkt, sei es die Steuer-CD, die alte Sünden präsent macht. Und in unserer Zukunft ist unsere Gegenwart Vergangenheit und rächt sich, oder lässt uns mit 80 Jahren noch einen Marathon laufen.

Unser Weihnachten 2014, auch wenn wir uns dort an ein 2000 Jahre altes Ereignis aus der Vergangenheit erinnern, liegt noch vor uns in der Zukunft. Wie gesagt, jedes Jahr Weihnachten, Karfreitag oder Ostern, werde ich innerlich unruhig und fange an zu predigen. Wenn ich an den Säugling in der Krippe denke, sehe ich schon die Stigmata auf den kleinen Ärmchen, die der Kreuzesmann Jesus 30 Jahre später als Nägelmale auf den Handflächen oder Handgelenken hat. Dann erwarte ich nicht nur die Geburt eines Kindes, sondern erinnere mich auch daran, dass Christus als der Auferstandene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist.

Gerade jetzt in der Adventszeit, kommt es mir so vor, als wenn Christus uns mit offenen Armen entgegenkommen würde. Es ist merkwürdig. Es kommt mir so vor, als wenn ich in einen Spiegel blicken würde, wenn ich Jesus auf mich zugehen sehe. So als wenn sich in der Zukunft das Bild des Gekreuzigten mit meinem eigenen Menschsein verschmelzen würde. So als wenn da eine Vision auf mich zukommen würde, die Gott von meinem Leben als Mensch hat. Ja, und das ist es auch, was mich jedes Jahr neu nach Worten suchen lässt. Dass ich so bin wie ich bin und Gott mir in Christus als Mensch entgegen geht.

Der eitle Fernseh-Wettermann aus dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, muss so lange in der Endlosschleife seines immer wiederkehrenden eigenen Albtraums verharren, nicht bis sich seine Mitmenschen ändern, sondern er sich selbst. Und so scheint es mir auch mit dem alljährigen Ritual des Weihnachtsfestes zu sein: Wir müssen so lange in der rituellen Endlosschleife verharren, bis wir von uns selbst wegsehen und Gott im anderen erkennen. Das nennt man auch Liebe.