3. Advent: Weihnachtsgefühl?

“Haben Sie denn schon alles schön dekoriert?” fragte mich letzte Woche eine Verkäuferin, in deren Geschäft ich öfter einkaufen gehe. “Ach wissen Sie, ich lebe allein und da hat man als Mann nicht so viel mit Weihnachtsschmuck am Hut.” Aber die Verkäuferin war irgendwie von mir enttäuscht – und sagte das dann auch, zwar mit einem Lachen, aber das sollte nur ihre Enttäuschung überspielen. 

800px-raachermannel_moosmannel
Räuchermännchen

Von Markscheider – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23270738

schwibbogen_fenster
Schwippbögen

By Devilsanddust – Own work, CC BY-SA 3.0,https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8755072

Ich war schon seit Jahren nicht mehr in Westdeutschland und mir fehlen die Vergleichsmöglichkeiten, aber hier in Dresden mit Striezelmarkt, Weihnachtsstollen, Glühwein, Räuchermännchen und Schwippbögen aus dem Erzgebirge, pflegt man noch die Tradition.

Aber schade, vielleicht seit dem Tod meiner Eltern oder auch durch mein Theologiestudium, ist in mir das Weihnachtsgefühl wie eine Christbaumkugel, die vom Baum fällt, in tausend Stücken auf dem Boden der Tatsachen zerbrochen. Das Stück heile Kindheit, das sich gerade in Weihnachten verdichtet hat, ist von der Realität des Lebens überholt worden.

Wie viele flüchten vor Weihnachten in den Süden, und werden dann in der Hotellobby von einem reich dekorierten Weihnachtsbaum erwartet.

Muss ich mich jetzt schämen oder sogar als Traditonsbanause schuldig fühlen, weil mir nicht der Sinn nach Weihnachten steht, und ich sehnsüchtig darauf warte, dass die Weihnachtszeit wie ein imaginärer Schneesturm über meinen Kopf hinwegzieht, und am 2. Januar  der Alltag wieder in mein Leben einzieht?

Nun, Traditionen müssen sich erst über die Jahrhunderte herausbilden und entwickeln dabei sogar ein Eigenleben und werden wichtiger als der Inhalt auf den sie ursprünglich hinweisen wollten. Mir scheint, weil wir nichts mehr mit Weihnachten anzufangen wissen, ist es so wichtig, ob es Weihnachten schneit.

Weihnachten ist zur Traditionshülse mit Puderzuckerüberzug geworden, zum Wirtschaftsfaktor, zur Geldmaschine des Einzelhandels, zur traditionellen Gefühlsduselei, die uns wie Lemminge zu Weihnachten in die Kirchen treibt. In Kirchen, die versuchen über das Jahr für die Menschen durch Konzerte und Ausstellungen attraktiv zu sein, weil sonst kaum noch jemand in die Kirche geht. (Situation in Deutschland)

Wären wir die Hirten, die staunend das neugeborene Jesuskind vor 2000 Jahren in der Krippe liegen sehen, würde dort im Stall nicht rechts ein Fernseher stehen, und links daneben ein geschmückter Weihnachtsbaum, würde sich nicht eine Gruppe von Kindern darüber streiten, wer die neue PlayStation zuerst bedienen darf. Nein, wären wir die Hirten, würden wir dort ein kleines, jüdisches Neugeborenes mit seinen Eltern sehen. Wir würden dort Armut, Schmutz und Erbärmlichkeit erleben. Aber auch die unaussprechliche Freude über das Neugeborene, die jeglichen Mangel überstrahlt.

Abseits des Mainstreams, jenseits der überfüllten Einkaufstempel, ja, sogar jenseits der überfüllten Weihnachtsgottesdienste, die unseren Traditionshunger stillen sollen, wird vor den Toren der Stadt ein Außenseiter geboren. Jesus kommt in diese Welt, aber die Welt erkennt ihn nicht.

Er ist Licht in der Finsternis, aber die Finsternis versteht ihn nicht. Sie versteht ihn so wenig, wie sie noch etwas mit Gott anfangen kann. Jesus bekommt kein Asyl in dieser Welt. Wie ein gescheiterter Superstar steht er zwar kurz im Rampenlicht der Öffentlichkeit, verschwindet aber bald wieder in der Versenkung. Zu steil seine Thesen, zu gewagt sein Lebensstil. “Liebe Gott und deinen Nächsten.” Höre auf dein Gewissen und suche Gott in der Stille.

Dort in diesem stillen Jenseitsland, wo weder Kaufen noch Verkaufen, wo weder HD noch Highspeed etwas zählen, dort in diesem Jenseitsland, das sich nicht im Jenseits befindet oder vor den Toren der Stadt, sondern in deinem eigenen Herzen, nur dort in der Stille kannst du zu dir selber finden, nur dort kann Gott in deinem Herzen geboren werden.

damit du leben kannst

Der Eine, der am Rand der Gesellschaft lebt,
weil Gott in ihm Gestalt annimmt,
treffe dich in der Stille,
damit du Gott erkennen kannst.

Der Eine, der für diese Welt zu schade ist,
die ihn ans Kreuz nagelt,
weil sie ihn nicht versteht,
berühre deine Wunden,
damit du leben kannst.

Der Eine, der aus Gott geboren ist,
der sich selbst vergisst,
der lebt,
weil Gott ihm alles ist,
segne dich.