4. Advent: Das Ebenbild Gottes

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15 Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.
16 Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.
17 Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.
18 Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei.
19 Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte
20 und er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

21 Auch euch, die ihr einst fremd und feindlich gesinnt wart in bösen Werken,
22 hat er nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes, damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle;
23 wenn ihr nur bleibt im Glauben, gegründet und fest, und nicht weicht von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt und das gepredigt ist allen Geschöpfen unter dem Himmel. Sein Diener bin ich, Paulus, geworden. (Kol 1,15-23)

Der zarte Säugling in rauher Umgebung. Es riecht nach Holz, Stroh und Mist. Stallgeruch. In äußerster Armut ist hier ein Kind geboren worden. Maria und Joseph – einfache Leute. Sie haben sich ihr Schicksal nicht ausgesucht. Armut und Einfachheit sind für sie kein Lifestyle. Sie denken nicht – so wie wir – wenn wir doch nur einfacher leben könnten. “Simplify your life” und “zurück zu den Basics” im Stile eines Thoreaus, sind ihnen vollkommen fremd. Sie haben ganz andere Sorgen. Essen, Trinken, warme Unterkunft für Mutter und Kind – nur für diese Nacht. Was morgen wird liegt in Gottes Hand.

Leben in diesem Augenblick. Sprachloses Glück. Ahnt Maria, wen sie da säugt? Kann sie seine universelle Bedeutung so einordnen, wie das der Schreiber des Kolosserbriefes tut? Vermutlich nicht. Für sie wird Jesus immer ihr kleiner Junge sein. Wie sie später besorgt nach dem 12- Jährigen schickt, wissen wir. Meine Mutter, und ich weiß, dass es anderen ähnlich geht, hat mir als ich schon 30 Jahre alt war gesagt, dass ich mich noch kämmen muss. Mütter sind so. Gut wenn Mütter so sind.

Blickwechsel. Es ist als wenn wir uns in einer anderen Dimension befinden, wenn wir den Kolosserbrief lesen. Das ist mir zu hoch. Ja wirklich. Aber Leben bewegt sich nicht nur auf der materiellen, stofflichen Ebene, nicht nur im Zyklus von Geburt, Essen und Trinken, leben, alt werden und sterben. Seit Jesus wissen wir: Die Trennung zwischen der sichtbaren materiellen Welt und der unsichtbaren geistigen Welt ist aufgehoben. In ihm kommt beides zusammen.

Der Glaube sieht in Jesus mehr als einen religiösen Wundertäter, mehr als einen guten Menschen. In und durch ihn wird Gott sichtbar, fühlbar, materiell. Trotz allem bleibt Gott uns unbegreiflich. Der Mystiker kann nur so wie im Kolosserbrief von Gott in Christus reden. Überschwänglich, extatisch, wie trunken vor Liebe. Er hat Versöhnung erlebt. Erlebt, wie sein Herz aufbricht und kapituliert vor der allgegenwärtigen Liebe Gottes, die in Christus Gestalt angenommen hat. Da gibt es kein Vorher-Nachher. Die Zeit löst sich auf. Anfang und Ende sind in Christus eins.

Theoretisch die Geburt Jesu auf einen zeitlichen Geburtstag festzulegen scheint ihm unmöglich. Unmöglich ist es ihm sich getrennt von Jesus “zu denken”. Das ist es eben, er denkt oder glaubt sich nicht als “eins mit Christus”, sondern er erlebt sich als eins mit Gott und Christus.

Wie ein Blitz leuchtet die Gegenwart Gottes kurz in die Dunkelheit unseres grauen Alltagslebens. Aber das ist nicht nichts. Auch wenn wir uns nicht andauernd in einem Zustand der Einheitserfahrung mit Gott befinden können, Extase, Peak-Erfahrungen mit Gott, kann der Mensch auf Dauer nicht aushalten, ändern sie uns bis in die Tiefe unserer Persönlichkeit.

In Christus wohnt Gott in seiner Fülle.