Gnoti se auton

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Gnoti se auton – erkenne dich selbst. Dazu hat uns schon Sokrates bzw. Platon 500 v. Chr. aufgefordert. In dem Wissen, dass die Welt der Formen, alles Materielle und Sichtbare nicht wirklich ist. Wirklich sind nur die ewigen Ideen, die Urbilder für die sichtbare Welt – Stichwort: Höhlengleichnis. Also „Wer oder was ist der Mensch?“, „Wer oder was bin ich?“.

Ich habe diese Woche eine hübsche, junge Frau an der Straßenbahnhaltestelle vor einem Krankenhaus kennengelernt. Wir haben uns bis die Bahn kam unterhalten und sind zusammen eingestiegen, und haben uns dann weiter unterhalten. Normalerweise verabschiedet man sich voneinander, wenn man in die Bahn steigt und jeder sucht sich seinen eigenen Sitzplatz. Beim Gespräch habe ich gemerkt, was für eine ungewöhnliche Persönlichkeit diese Frau war. Sie hatte enormen Tiefgang, obwohl sie erst Ende zwanzig, Anfang dreißig war. Aufgeschlossen und fröhlich, war sie gerade von einer ihrer regelmäßigen Routineuntersuchungen gekommen. Ihre rechte Hand umhüllte schützend ein brauner Wollhandschuh. Sie hat eine seltene Krankheit, bei der sich der Knochen auflöst, und die nicht mehr zu heilen ist. Seit 7 Jahren lebt sie mit dieser unaufhaltsamen Krankheit. Früher hätte ich anklagend gefragt: Wie kann Gott so etwas zulassen? Gerade, wenn das Leiden direkt vor dir steht, in einem Menschen aus Fleisch und Blut, in dem ein Herz schlägt so wie in dir, geht einem das besonders unter die Haut. Ich hatte den Eindruck, dass trotz, oder gerade wegen ihrer Krankheit, diese junge Frau, deren Namen ich nicht einmal kenne, besonders intensiv lebt. Sie hat sich dann, sie musste zum nächsten Arzt, mit einem Lächeln verabschiedet. Wir hatten beide das Gefühl ein tiefes und erfülltes Gespräch geführt zu haben, wie man es nicht häufig findet. Den Eindruck hatte ich.

Es ist erstaunlich, dass gerade durch eine Krankheit, durch Leiden und Verlust, der Mensch zum Wesentlichen des Lebens gelangt. Wie sich die Intensität des Lebens angesichts einer nur noch überschaubaren Lebenszeit steigert. Das habe ich auch im Hospiz erfahren, bei Menschen, deren Lebenserwartung voraussichtlich nur noch 3 Monate beträgt.

Die Tiefe des Lebens, das Wesen des Lebens, erschließt sich uns merkwürdigerweise selten in Wohlstand, Gesundheit und Leichtlebigkeit, sondern gerade umgekehrt: in Entbehrung, Krankheit und in schwerem Schicksal. Gerade die Härten des Lebens machen uns die Schönheit des Lebens bewusst. Je mehr ich loslassen muss – muss – , weil ich keine Wahl habe, und weil ich sonst keinen inneren Frieden finden kann und am Leid zerbreche, umso mehr konzentriere ich mich auf das, was noch übrig bleibt.

Das kann soweit führen, dass mir nichts mehr übrigbleibt. Am Schluß bleibt sowieso nichts mehr übrig. Wenigstens nichts, was man mit Händen greifen kann. Alles Materielle ist der Vergänglichkeit unterworfen. Das Haus, kein Stein bleibt auf dem anderen, das Auto verrostet, dein Körper wird zu Staub.

Was vor 200 Jahren noch allgemeines Wissen war, kann man heute nur noch glauben. Der Mensch ist mehr als Haut und Knochen, Gene und Gedächtnis. Mehr als die Erinnerung, in die er sich geschrieben hat. Wie will man das Immaterielle, Ungreifbare, begreifen?

Der Mensch ist letztlich eine nackte Seele. Das erfährst du ansatzweise, wenn ihn sein Name, seine gesellschaftliche Stellung und sein Geld nicht mehr schützen können, in Krankheit und Lebensbedrohung. Dann fallen alle Masken und wir sehen und erfahren, wer wir selber sind.

Gott sieht nicht auf Kleidung und Status, nicht auf Schönheit oder Makel, Gott kennt unsere Herzen. Das bedeutet, Gott sieht unser eigentliches Wesen, unsere Identität, unsere Seele unverhüllt vor sich. Das mag uns erschrecken, aber Gott liebt uns und nutzt unsere Schwäche nicht aus. Mögen wir auch all unseren Besitz verlieren, Haus und Hof, Gesundheit und zuletzt sogar unser Leben, wir sind in Gottes Hand.

Was hilft es, wenn der Mensch die ganze Welt gewinnt und seine Seele nimmt dabei Schaden? Diese Worte Jesu muss man in diesem Zusammenhang sehen. Deine Seele ist etwas was du hüten musst wie deinen Augapfel. Verliere sie nicht an Geld, das du zu besitzen meinst, das in Wirklichkeit aber dich besitzt. Verliere dich nicht an Macht und Ausssehen, denn Gott sieht dich anders als dich die Gesellschaft sieht. Sorge dich nicht, denn Gott sorgt für dich.

Es ist nicht leicht zu verstehen, gerade wenn man eine schlimme Krankheit hat, dass du nicht dein Körper bist. Wer blind wird, wer ein Körperteil verloren hat, wird aber diese Erfahrung bestätigen können: Seltsam, jetzt wo ich im Rollstuhl sitze, bin ich ja noch genauso ich selbst, wie zu der Zeit als ich noch laufen konnte. Es scheint mir fast so zu sein, als wenn ich noch mehr ich selbst wäre als vorher, weil ich entdeckt habe, wie kostbar das Leben ist.

Das Leiden formt den Menschen und führt ihn in die Tiefe seiner Seelenwelt. Ich kenne allerdings viele Menschen, die an ihrem Schicksal verbittern und Gott und die Menschen – und sich selbst am meisten – hassen.

Wenn ich Menschen im Rollstuhl sehe, nehme ich den Rollstuhl kaum wahr. Ich habe, wie soll ich mich ausdrücken, eigentlich, und das mag jetzt herzlos klingen, kein Mitleid mit ihnen, aus dem heraus man sich, auch wenn man sich dessen meist nicht bewusst ist, überlegen fühlen kann. Der oder die Behinderte ist kein kleines Kind, dem man bei jedem bisschen glaubt helfen zu müssen. Er ist wie ich, der noch laufen kann. Ich habe ihm nichts voraus. Im Gegenteil, er ist mir als Persönlichkeit, die an ihrer Behinderung gereift ist, vielleicht sogar haushoch überlegen.

Und dehalb frage ich auch gar nicht mehr: Wie kann Gott das zulassen?, wenn ich das Leben in all seinen Facetten sehe und erfahre. Du bist nicht dein Körper, sondern deine unsichtbare Seele, die in der Hand des unsichtbaren Gottes liegt.