Buddha und Christus

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Es gibt sicher auch Ausnahmen. Aber die meisten Eltern, die ich kenne, möchten ihre Kinder am liebsten ein Leben lang vor den Härten dieses Lebens bewahren. Die kleine Prinzessin und der kleine Prinz sollen erst gar nicht mit Armut, Leiden, Krankheit, Alter und Tod in Berührung kommen. Diesen utopischen Traum hat auch in Indien vor ungefähr 2500 Jahren der Vater von Siddharta Gautama geträumt. Wie die Legende berichtet scheint es ihm als reicher Herrscher möglich gewesen zu sein, seinen Sohn möglichst lange von der Außenwelt abzuschirmen, und ihm im Palast den Eindruck zu vermitteln: das Leben ist ein Schlaraffenland, in dem es weder Armut, Krankheit, Alter noch Tod gibt. Aber man tut den Kindern keinen Gefallen, wenn man sie von den Widrigkeiten des Lebens fernhält und ihnen ein Paradies zu Füßen legt. Ein Leben das kein Leiden kennt bleibt oberflächlich. Darüberhinaus haben wir es auch nicht in der Hand. Der Blinddarmdurchbruch oder der Schädelbruch beim Fahrradunfall, selbst in der verkehrsberuhigten Spielstraße, kommen aus heiterem Himmel.

Und so geht es auch Siddharta, der mit seinen 28 Jahren in der Stadt mit Krankheit, Alter und Tod konfrontiert wird. Schlagartig fällt er aus seinem utopischen Wolkenkuckucksheim. Die Begegnung mit dem Leiden in dieser Welt muss ihn tief erschüttert haben, denn er verlässt seine Eltern, Frau und Kind, und macht sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Er schließt sich verschiedenen religiösen Gruppierungen an, fastet und lebt in Armut. Er führt ein Leben, das dem bisherigen im Palast vollkommen entgegengesetzt ist. Aber beide Lebensstile führen ihn nicht zum Ziel seiner Wünsche: Erfüllung oder den Sinn des Lebens zu finden. Verständlich. Sowohl das vom Vater aufoktroyierte Schlaraffia, als auch das Leben der Brahmanen und Asketen, bleibt ihm fremd. Der Mensch muss seinen eigenen Weg finden. Das klingt modern. Aber dabei handelt es sich nur um eine zeitlose Wahrheit.

Siddharta findet für sich den “mittleren Weg”, fernab von oder besser gesagt: mitten durch die Extreme Luxus und Askese. In der Meditation kommt ihm die Erleuchtung: Die Essenz des Lebens ist Leiden. Man tut dem Buddhismus Unrecht, wenn man ihn deshalb als eine negative Religion bezeichnet. Denn Siddharta zeigt auch einen Weg, wie man dieses Leiden überwinden kann: durch die vier Edlen Wahrheiten:

Leben ist Leiden. Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung. Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden. Zum Erlöschen des Leidens führt der Edle Achtfache  Pfad.

(S. wikipedia.org/wiki/Vier_Edle_Wahrheiten)

Die Lehre vom Edlen Achtfachen Pfad soll den Menschen zur Erlösung (Nirwana) führen. Der Edle Achffache Pfad besteht aus: Rechter (richtiger) Erkenntnis, Gesinnung, Rede, Handeln, Lebenswandel, Streben, Achtsamkeit und Sammlung.

(S. wikipedia.org/wiki/Edler_Achtfacher_Pfad)

Nun, meine jahrelange Beschäftigung mit dem Buddhismus geht über die kurzen zitierten Wikipediaarktikel hinaus. Daher fasse ich den Buddhismus mit eigenen Worten zusammen. Nach Auffassung Buddhas entsteht Leiden durch das falsche Selbstverständnis des Menschen. Weil er sich als eigenständiger Mensch versteht und an diesem falschen Ego-Verständnis festhält, muss er leiden. Wenn er sich egozentrisch über Körper, Name, Ansehen und Besitz definiert, muss er leiden, wenn er von Armut, Alter, Krankheit, Tod oder Anfeindungen anderer Menschen bedroht wird. Letztlich ist für Buddha das Ich, ein eigenständiges Selbst oder eine individuelle Seele des Menschen eine Illusion. Was nach dem Tod wiedergeboren wird ist nicht Identität sondern Energie.

Lässt er sich dagegen selber los, weil er sein eigentliches Sein jenseits von Name und Form entdeckt hat, muss er nicht mehr leiden. Die Logik kann ich zwar nachvollziehen, dass ich, um ein einfaches Beispiel zu nennen, wenn ich nicht mehr an meinem Fernseher hänge, er mir nichts mehr bedeutet, oder jeglicher andere Besitz, ich ihn leicht weggeben kann, ohne dass ich leiden muss. Oder selbstdistanziert, wer bin ich schon?, frei von mir zu sein, wenn mich ein anderer beleidigt und meinen Ruf in den Schmutz zieht. Aber Zahnschmerzen sind Zahnschmerzen. Punkt.

Da kann ich mich noch so sehr selbst “loslassen” und von mir selbstdistanziert und “egolos” sein, sie tun weh. Ich mag ihre Vergänglichkeit durchschauen, nur wenn ich Schmerzen habe, im Hier und Jetzt, leide ich, Loslassen hin oder her. Und das ist nur ein kleines Beispiel.

Wie sieht es mit allem anderen aus? Wie sieht es mit Hunger, Unterdrückung und Qualen der Schwächsten aus? Wie sieht es mit Bootsflüchtlingen aus, die am Ertrinken sind? Wie sieht es mit Mißhandelten und Mißbrauchten aus? Kann ich ihnen so einfach zurufen – ihr Buddhisten, bitte entschuldigt – lass dein Leiden los, du bist nicht nur dein Körper, sondern das ganze Universum.

Meine vielleicht überzogenen und von Buddhisten möglicherweise als polemische Ausschweifung bewerteten Äußerungen, treffen aber doch den Punkt: Mit Buddha gesprochen: Leben ist Leiden. Ja. Aber Leben ist eben Leiden und kann nicht so einfach, ja ich weiß, “so einfach” sagt ja keiner, durch Loslassen überwunden werden. Buddha mag das für sich zwar nicht nur glauben, sondern auch erfahren haben, aber meine Realität sieht anders aus. Vielleicht bin ich ja noch nicht so weit.

500 Jahre nach Buddha spricht noch jemand anderes vom Leiden und vom Loslassen. Er ist in der jüdischen Tradition aufgewachsen: Jesus. “Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten. Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst? ” (Lk 9,23-25).

Jesus, der anders als Buddha, Gott kennt, und uns einen menschlichen Gott vorlebt, weiß darum, dass wir nicht alleine auf unserem Weg als Menschen sind. Sich selbst zu finden bedeutet für ihn, sich selbst zu vergessen. Das könnte so auch Buddha sagen, aber für Jesus bedeutet sich selbst zu vergessen, Gott zu finden, wie er.

Gott, dessen “Sein” über einen festen Gottesbegriff hinausgeht, der namenlos ist, der “ich bin, der ich bin” ist. Gott, der sowohl überpersönlich für die Menschen unbegreifbar ist, der aber auch angreifbar und verwundbar menschlich in Jesus Gestalt angenommen hat. Gott, der in Christus für uns zum Du geworden ist. Weil Gott für mich in Christus zum Du geworden ist, kann ich von mir selbst befreit, erst recht (richtig) ich selbst sein.

Gott schafft das Leiden nicht aus der Welt. Aber durch das Leiden Christi erfahren wir, dass Gott nicht als absolutes Sein apathisch, also emotionslos und leidensunfähig ist, sondern ganz im Gegenteil: in unserem gekreuzigten Bruder Christus, teilt Gott das Leiden der Menschen.