Richard Rohr: Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker.

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Das Buch ist für mich eine große Enttäuschung. Wie habe ich als Teenager für seine beiden Bücher “Der nackte Gott. Pladoyer für ein Christentum aus Fleisch und Blut.” und “Der wilde Mann” gebrannt. Wie haben sie mich in meinem Glauben gefördert. So weit ich mich erinnere waren sie eine Zusammenstellung von Reden, die Richard Rohr vor “realen” Menschen, von Angesicht zu Angesicht, gehalten hat. Da spürt man auf jeder Seite der Bücher seine Leidenschaft. Seine Botschaft war zu der Zeit neu und hat einem, in weiten Teilen verstaubten Christentum, neues Leben eingehaucht. Bücher, die ich als inspiriert empfunden habe, und die mehreren Generationen Geschmack gemacht haben auf ein Christentum aus “Fleisch und Blut”.

Zu seinem Buch “Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker.” kann ich leider kaum etwas Positives schreiben. Den einen Stern vergebe ich für die schöne Gestaltung des Buchs. Da haben die Designer ganze Arbeit geleistet. Zum Thema “Mystik” oder Spiritualität gibt es viele, bessere Bücher von zeitgenössischen Autoren. z.B. von “Charlotte Yoko Beck, Zen im Alltag” oder von “Shunryu Suzuki, Zen-Geist – Anfänger-Geist”. Beide mit einem buddhistischen Hintergrund. Wem das als Christ/in zu heikel ist, dem seien die Bücher von “Anthony de Mello” empfohlen. Zum Thema zu allererst “Meditieren mit Leib und Seele: Neue Wege der Gotteserfahrung” und dann alle anderen Bücher von ihm, die tiefsinnige und erheiternde Alltagsgeschichten enthalten. Oder “Arul M. Arokiasamy (Ama Samy)” dessen Buch “Warum Bodhidharma in den Westen kam oder kann es ein europäisches Zen geben?” das der Auslöser dafür war, dass ich in sein Meditationszentrum in Indien gereist bin. Er schlägt eine Brücke zwischen Zen-Buddhismus und Christlichem Glauben. Ein Autor darf hier natürlich nicht fehlen, der wohl die Grundlage zumindest für alle zeitgenössischen, christlichen Bücher bildet: Der Meister der Mystik aus dem Mittelalter: Meister Eckhart.

Nun, man mag fragen, was diese ganzen Buchempfehlungen sollen? Ich habe diese Beispiele angeführt, um zu zeigen, wie Bücher über Spiritualität oder Mystik auch sein können. Klar und in einer verständlichen Sprache geschrieben. Bücher, die einfach sind, weil sie einem einfachen Herzen entsprungen sind. Von Autorinnen und Autoren, denen man die mystische Erfahrung abnimmt, weil jede Zeile, jedes Wort echt ist. Selbst die erheiternden Geschichten von Anthony de Mello sagen mehr über Mystik aus, indem sie bildhaft um das Thema herumreden und so das Wesen der Mystik enthüllen, als irgendein Gedankengang von Richard Rohr. Mir ist Meister Eckhart leichter verständlich als Richard Rohr. Deshalb, weil er klarer denkt und genauer formuliert. Und Meister Eckhart ist nicht nur als “Kind des Mittelalters”, sondern aufgrund des Themas “Mystik” sicher nicht leicht zu verstehen.

Ich habe verschiedene Kapitel von Rohrs Buch gelesen, in der Hoffnung, dass irgendwann mal etwas Verständliches auftaucht, aber Fehlanzeige. Außerdem nervt das überlange Vorwort, indem Richard Rohr wie in einer kleinen Biographie die ganzen Einflüsse auf seinen spirituellen Werdegang schildert. Ich will Richard Rohr sicherlich nicht absprechen, dass er selbst mystische Erfahrungen gemacht hat. Aber Vieles scheint ein Sammelsurium, eine Ansammlung von anderen Mystikerinnen und Mystikern zu sein. Es gibt den Mystiker, der so “erschlagen” und “deeply impressed” von der Begegnung mit Gott ist, dass er kaum einen klaren Satz angesichts des Erlebten sagen kann – und deshalb lieber schweigt. Aber Richard Rohr redet und redet.

Ich konnte mir die Verworrenheit seiner Gedankengänge einfach nicht erklären und habe, weil ich für mich den “Mythos Richard Rohr” erhalten wollte, nach allen möglichen Gründen gesucht: “Natürlich, vielleicht ist die deutsche Übersetzung schlecht.” Aber Richard Rohr wird auch hier von seiner “deutschen Stimme” Andreas Ebert, der Richard Rohr als Übersetzer schon seit den Anfängen begleitet hat, wiedergegeben.

Bei all der Komplexität des Buches, Rohr scheint wirklich zu allem und jedem etwas sagen zu wollen, fällt auf, dass er die Themen oft nur anreißt und sehr oberflächlich behandelt. Und Vieles stimmt einfach nicht. Z.B. seine Definition von “Weisheit”: “Weisheit ist leben im Augenblick.” Es kann ja sein, dass man Weisheit im Augenblick erlebt, weil man im Augenblick einen Hauch von Ewigkeit erhascht, aber Weisheit ist eben auch Lebensweisheit, die über die Jahre entstanden ist. Weisheit kommt von Erfahrung, von Lieben und Leiden im und am Leben. Aber von all dem liest man nichts. Es hätte dem Buch gut getan, wenn es weniger breit aber dafür mehr in die Tiefe gehend angelegt worden wäre.

Als ebenso schwach empfinde ich, was Rohr über das Gebet schreibt. Er spricht von Resonanz. Eigentlich keine schlechte Idee. Davon wie das kleine Selbst mit dem großen Selbst zusammenschwingt. Aber was er hier schreibt ist zu wenig differenziert. Gott ist neben aller Einheitserfahrung des Menschen mit Gott, eben auch das große Du, und Gegenüber. Ganz dialogisch und dialektisch. Das passt natürlich schwer in Rohrs Konzept von der Einheit mit Gott. Es würde schon passen, wenn man von verschiedenen Seelenbefindlichkeiten oder Erlebensmöglichkeiten im Gebet spricht. Es gibt beides, ich kenne das aus eigener Erfahrung, sich eins mit Gott zu fühlen und sich aufgehoben zu wissen, dann auf der anderen Seite ein Staunen vor Gottes Größe und Heiligkeit und das Erfahren von Gnade angesichts meines kleinen Menschseins. Weil eben Christus Gott und mich kleinen, sündigen Menschen in seiner Person vereint – eins macht. Ich und der Vater sind eins.

Rohr verwendet bestimmte Begriffe wie z.B. “Software”, scheinbar um zeitgemäß zu reden, die aber eher technokratisch klingen und der Psycho-Szene entliehen zu sein scheinen, die aber dem Thema einfach nicht angemessen sind. Für einen Christen sind diese Begriffe verwirrend, weil sie eigentlich in einem völlig anderen Kontext gebraucht werden und anders gemeint sind. Man tut damit dem Thema, dem Leser und auch den zweckentfremdeten Begriffen keinen Gefallen.

Zum Schluß noch etwas, was mich besonders geärgert hat. Rohr sieht sich immer noch als den großen Reformer des Christentums, der er in den oben genannten Büchern auch war. Es schwingt in jeder Zeile mit: Ich hab’s verstanden, du / ihr seid noch nicht so weit. Rohr ist weit von der Demut eines Mystikers, der die eigene Begrenztheit angesichts der Größe Gottes – meinetwegen auch des Universums – erfahren hat, entfernt.

Das Buch “Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker.” ist keine Hilfe um ein Mystiker / eine Mystikerin zu werden. Deshalb nicht, weil es nur in die verschlungenen Gedankengänge des Autors führt und nicht in die Freiheit. Die Leserin / der Leser bleibt intellektuell im Kopf stecken. Das Herz wird nicht berührt. Die Zen-Weisheit, dass die Lehre “von Herz zu Herz” weitergegeben wird, trifft auch auf den christlichen Glauben zu. Für dieses Buch müsste es heißen “von Kopf zu Kopf”. Allerdings versteht der Kopf des Lesers kaum den Kopf des Autors. Schade!